Bloss nicht übertreiben

Schon wieder hat ein skandinavischer Wohntrend zum Siegeszug angesetzt:Er heisst Lagom und ist Sinnbild für Ausgewogenheit, Gleichgewicht und Balance.

Eben noch galt der dänische Einrichtungsstil Hygge – er steht für Gemütlichkeit, Geselligkeit und Wohlbefinden – als Mass der (Wohn Dinge, nun hat uns bereits der nächste Trend aus Nordeuropa erreicht. Er heisst Lagom, drückt das schwedische Lebensgefühl aus und kann mehr schlecht als recht auf Deutsch übersetzt werden. Die Umschreibung «nicht zu viel, nicht zu wenig, also gerade richtig» kommt der Bedeutung von Lagom am nächsten. Es geht also ums richtige Mass, und dies in möglichst allen Lebenslagen: beim Kleidungs- und Einrichtungsstil, bei der Ernährung und beim Sport, bei der Vereinbarkeit von Privat- und Berufsleben, wie auch im Sozialleben überhaupt. Lagom geht allerdings über die eigene Lebensgestaltung hinaus. Denn das Konzept mit seinem Fokus auf Nachhaltigkeit und einem schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen weist eine gesellschaftliche Dimension auf: Lagom macht nicht nur den Menschen, sondern auch den Planeten glücklich.

Weniger ist mehr

Wer beim Einrichten nach Lagom eine gesunde Mitte finden will, muss die Extreme meiden. Der puristisch asketische Stil mit fast leeren Räumen ist ebenso fehl am Platz, wie dessen Gegenteil, das opulente Chaos. Nach dem Motto «weniger ist mehr» gehört Entrümpeln regelmässig eingeplant, damit die Wohnung oder das Haus nicht voller und voller werden. Eine echte Hilfe leistet hier die japanische Aufräumexpertin Marie Kondo. Ihr Rat ist so ungewöhnlich wie einfach und führt tatsächlich zu einer nachhaltigen Reduktion der Gegenstände im Haushalt: Ausser dem absolut Notwendigen, wie amtlichen Dokumenten, soll man alles weggeben, was einem nicht glücklich macht. Damit kann man sich von nie getragener Kleidung, die man «amortisieren muss», ebenso befreien, wie von den ungeliebten Zinnbechern, die man von einer Tante geschenkt bekommen und aus einem unbestimmten Pflichtgefühl heraus aufgehoben hat. Zum Lagom Wohnen gehört eine gute Balance zwischen Design, Komfort und Funktionalität. Die Einrichtung soll zwar schön sein, doch darf die Ästhetik nicht auf Kosten der Bequemlichkeit und des praktischen Nutzens im Alltag gehen. Die Gemütlichkeit wiederum sollte nicht so weit gehen, dass der Eindruck entsteht, man würde sich beim Wohnen gehen lassen. Auch mit der Funktionalität darf man es nicht übertreiben, denn was nur praktisch ist, verströmt eine gewisse Seelenlosigkeit. Bei den Farben ist Zurückhaltung angesagt: Viel Weiss und helle oder erdige, ruhige Farbtöne entsprechen eher der goldenen Mitte als dramatische Kontraste und knallige Töne. Auf auffällige Farben muss dennoch nicht verzichtet werden. Statt für das Sofa oder die Küchenrückwand setzt man sie allerdings lieber bei Accessoires wie Frotteewäsche, Zierkissen oder Kerzen ein. Ist man ihrer überdrüssig, verstaut man sie ganz einfach und nimmt sie erst wieder hervor, wenn man sich nach ihnen sehnt.

Re- und upcyceln

Da Nachhaltigkeit ein wichtiger Bestandteil von Lagom ist, gehören zu einer Einrichtung in diesem Stil Möbel aus nachwachsenden, ökologisch sinnvoll genutzten Ressourcen. Ebenfalls im Sinne von Lagom ist die Verwendung von Antiquitäten und Second-Hand Möbeln, die man auf dem Flohmarkt oder im Brockenhaus findet. Den Lebenszyklus von Möbelstücken können handwerklich begabte mit Upcycling verlängern. Dabei werden Gegenstände einer neuen, besseren (deshalb der Begriff «up») Verwendung zugeführt. So lässt sich ein alter Küchenstuhl zum Beispiel in ein Wandregal verwandeln. Dies geschieht, indem man die Stuhlbeine, einen Teil der Sitzfläche und eventuell auch einen Teil der Rückenlehne absägt und den verbleibenden Stuhl entweder «normal» oder kopfüber an der Wand befestigt. Lagom wäre aber nicht Lagom, wenn die Nachhaltigkeit der Einrichtung mit letztem Ernst verfolgt und man zum Öko Fundi mutieren würde. Stattdessen gilt es, die Balance zwischen Umweltbewusstsein und Konsumlust zu wahren. Der Möbelhersteller Ikea, der dank seiner schwedischen Herkunft für das Konzept von Lagom besonders aufgeschlossen sein sollte, hat im April 2018 in der Schweiz eine Kampagne für mehr Nachhaltigkeit gestartet. So will er bis in zwei Jahren energieautark werden. Zudem ruft er seine Internetnutzerinnen und –Nutzer auf, seine «zehn kleinen Schritte für eine bessere Welt» zu beherzigen. Dazu zählen nebst längst bekannten Massnahmen zum Energie sparenden Wohnen – wie dem Einsatz von LED Leuchtmitteln, der Reduktion der Raumtemperatur während der Heizperiode und dem Kauf von möglichst energieeffizienten Haushaltsgeräten – auch unüblichere Ratschläge: So soll man Leitungswasser trinken statt solches aus PET Flaschen, seine Essensreste aufbrauchen und den Fleischkonsum einschränken. Lagom leben halt, auch wenn Ikea das nicht explizit so nennt.