Der Haushalt wird zunehmend automatisiert

Die Küche der Zukunft ist digital vernetzt und automatisiert. Bis dahin haben die Gerätehersteller aber noch einen weiten Weg zurückzulegen, das Geschäft mit der smarten Küche steckt noch in den Kinderschuhen.

 

Das Modem surrt und piept als würde es ihm schwerfallen, die Eingangstüre ins weltweite Netz zu durchschreiten. Dann steht die Verbindung. Auf der Festnetzleitung tönt nun das rhythmische Besetzzeichen, der Eintrittspreis in die digitale Welt. Für den Nutzer der 90er-Jahre war das heute allgegenwärtige Internet kein Zuckerschlecken: Es war langsam, seine Funktionen waren begrenzt. Wäre das Internet in diesem Anfangsstadium stecken geblieben, es wäre in irgendeine Kiste gepackt und im Keller abgestellt worden. Doch das weltweite Netz entwickelt sich stetig weiter. Für viele ist es in der Zwischenzeit zu einem täglichen Begleiter geworden. WLAN und Smartphone machten die mobile Nutzung möglich, der allwissende Freund in der Hosentasche. Aktuell streckt das Internet seine langen Finger auf jedes erdenkliche elektronische Gerät aus: Das «Internet der Dinge» wird Tatsache.

Marktriesen mischen mit

Das smarte Wohnen wird sich in den nächsten zwei bis drei Jahren rasant weiterentwickeln. Vernetzung lautet dabei das Zauberwort.

Vernetzung ist das grosse Thema der Hausgeräteindustrie. Der Haushalt wird zunehmend automatisiert, das soll den Bewohnern das Leben erleichtern. Galt noch vor einigen Jahren eine per Knopf bedienbare Sonnenblende als Luxus, muss diese heute mittels App von der Ferieninsel fernbedient werden oder sich gleich vollautomatisch nach dem Sonnenstand ausrichten können. In jedem Haushalt ist die Küche der Ort, in dem die meisten elektronischen Geräte zum Einsatz kommen. So erstaunt es wenig, dass Unternehmen wie etwa Bosch-Siemens, Miele, oder Grundig Ressourcen in die Entwicklung der «smarten Küche» stecken – nachdem es in der Anfangsphase vor allem kleine Start-Ups waren, die sich um die Innovation im Haushalt gekümmert hatten. Bei den Marktriesen gilt heute der Leitspruch: Die Vernetzung im Haushalt muss unsichtbar und einfach sein sowie zwischen allen Geräten reibungslos funktionieren.

 

 

 

Multitaskingfähige Grossgeräte

Aktuell gibt es Kühlschränke, Öfen und Geschirrspüler, die zu multitaskingfähigen Grossgeräten mutiert sind. Sie sind mit Smartphone-Synchronisation durch Apps, Innenraumkameras und Bewegungssensoren ausgerüstet und versprechen Bequemlichkeit. Es gibt Kühlschränke, die mit einem Display ausgestattet sind und den Familienkalender oder das Wetter anzeigen. Kühlschränke, die Musik und Videos abspielen und deren Türen sich automatisch öffnen. Weit «intelligenter» sind die Kühlschränke, die Lebensmittel nach ihrer Frische sortieren und den Konsumenten daran erinnern, welche der Produkte bald das Ablaufdatum erreicht haben. Eine weitere Funktion zeigt dem Konsumenten bei jedem Griff zum Nahrungsmittel an, wie viele Kalorien er gleich zu sich nehmen wird. Kochsensoren sorgen für die konstant richtige Temperatur, die Kaffeemaschine wird auf dem Smartphone bedient und kann so programmiert werden, dass sie den Kaffee pünktlich zur angegebenen Zeit bereit hält. Bereits heute bieten die Gerätehersteller viele Küchengeräte und Küchenutensilien in einer «smarten» Version an – von der Abzugshaube bis zur Zitronenpresse.

Technologie im Anfangsstadium

Die multitaskingfähigen Grossgeräte sind allerdings noch ziemlich teuer. Es gibt aber kostengünstigere Alternativen: Eine Matte, die im Kühlschrank unter die Milch gelegt und mit dem Smartphone verbunden wird,
zeigt den aktuellen Milchstand im Beutel an. Eine separate, mit Saugnäpfen ausgestattete Kamera überwacht das Innere des Kühlschranks. Es gibt zahlreiche derartige Gadgets, mit denen die bestehenden Küchengeräte nachgerüstet werden können und die kein kleines Vermögen kosten. Auch wenn das smarte Wohnen noch in den Kinderschuhen steckt, wird es sich in den nächsten zwei bis drei Jahren rasant weiterentwickeln. Nach Erkenntnissen von Marktforschungsunternehmen sind die Wachstumsraten «exorbitant hoch». In Zahlen ausgedrückt gab es im Jahr 2012 erst 76 Hausgerätemodelle mit Internetzugang, vier Jahre später waren es 2036. Trotzdem hält das Internet in der Küche nur Schritt für Schritt Einzug: Von den grossen Geräten wie Herd oder Gefrierschrank waren 2016 nur etwa vier Prozent vernetzt.

Die Küche der Zukunft

Bei der Vernetzung im Haushalt zeichnet sich eine Entwicklung ab, ähnlich derjenigen bei Smartphones und Fernsehen. Der Schlüsselbegriff lautet «digitales Ökosystem» – ein Begriff aus der Welt der Mobiltelefonie. Im digitalen Ökosystem soll alles vorkommen und alles zueinander passen: Analog zu der Handywelt, in der die Nutzer inzwischen auf Millionen von Apps zugreifen können, erwarten die Hersteller von Küchengeräten in naher Zukunft ein starkes Anwachsen von Applikationen. Dabei wird es um Angebote und Serviceleistungen von Drittanbietern gehen. Angebote, die weit über das blosse An- und Ausschalten von Geräten hinausgehen. Ein weiterer Ansatz für die Küche der Zukunft kommt aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz. Einige Unternehmen arbeiten an Robotern, die mit den Nutzern interagieren können. Sie hören zu, beantworten Fragen und wissen etwa, welche Lebensmittel sich noch im Kühlschrank befinden.

Es lauern Gefahren

So unterschiedlich die Ansätze der einzelnen Gerätehersteller sind, sie alle haben grosse Ziele und wollen das Potenzial bei der Vernetzung voll ausnützen. Die Vernetzung von Geräten birgt aber auch Gefahren. Jedes smarte Gerät speichert Daten. Daraus lassen sich exakte Muster des Nutzerverhaltens erstellen. Ein Wissensschatz, der für Unternehmen Gold wert ist. Als jüngstes Beispiel können die Roboter-Staubsauger der Marke iRobot herhalten, die künftig Wohnungen exakt kartieren sollen. Diese Daten sollen dann an Amazon, Apple oder Google verkauft werden. Eine weitere Gefahr besteht im Datendiebstahl durch Kriminelle, welche die Daten anschliessend verkaufen oder für ihre Zwecke einsetzen. Sicherheitsexperten finden immer wieder eklatante Sicherheitslücken in der Konfiguration oder der Hardware von vernetzten Geräten. Es gibt genügend Beispiele dafür, wie kriminelle Hacker Kameras, Bluetooth-Schlüssel oder andere Geräte kaperten und sie zweckentfremdeten. Das deutsche Sicherheitsinstitut «AV Test» unterzog sieben «Smart Home Starterkits» umfassenden Tests. Nur drei der Sets waren gegen Angriffe ausreichend geschützt, der Schutz der restlichen vier Sets war «extrem schlecht.» Auch der Hardwarehersteller «HP» untersuchte smarte Geräte und stellte fest, dass 70 Prozent der am weitesten verbreiteten Geräte erhebliche Sicherheitslücken aufweisen. Alle Komponenten, die Zugang zum heimischen Netz und dadurch vielleicht Zugriff auf das Internet haben, sind angreifbar. Hersteller von smarten Produkten werben gerne mit Komfort und Sicherheit. Beides gleichzeitig ist aber kaum erhältlich. Vor allem, da sich nicht nur die Geräte und deren Sicherheitsvorkehrungen, sondern auch die kriminellen Hacks stetig weiterentwickeln.