Interview: Wie lebt eigentlich ein Minimalist?

Alan Frei ist ein Schweizer Unternehmer und ist einer der beiden Gründer von Amorana . Zudem hat er einen eigenen Blog auf dem er über seine Erfahrungen auf Reisen schreibt und selbst auch Interviews hauptsächlich über Unternehmertum aufschaltet.

Haben Sie schon mal von Minimalismus gehört? Mehr und mehr Menschen entfliehen dem Konsum und beschränken sich nur noch auf das Nötigste zum Leben. Insbesondere in den letzten Jahren setzten sich immer mehr Menschen mit der Frage auseinander: Muss es immer mehr sein als wirklich gebraucht wird? Unternehmer Alan Frei hat sich hierzu bereits eine klare Meinung gebildet und hat uns von seinem Leben und den Erfahrungen als Minimalist erzählt.

 

Zu aller Erst, würde ich gerne von Dir wissen, was Du unter Minimalismus verstehst?

Minimalist zu sein bedeutet für mich, wenn man mit sehr wenig Dingen lebt oder anders gesagt sehr wenige Dinge besitzt. Für mich ist Minimalismus eher ein Mittel zum Zweck, um mir das Leben zu vereinfachen.

 

Wann bist Du das erste Mal mit dem Thema Minimalismus in Berührung gekommen?

Um genau zu sein, hatte ich drei Berührungen mit Minimalismus. Die erste Berührung vor etwa vier Jahren war Andrew Hyde, ein Künstler sowie Unternehmer, der mit 15 Gegenständen um die Welt gereist ist. Bei einem Besuch in der Schweiz hat er mir von sich und seinen Erfahrungen erzählt. Ich war sofort begeistert von ihm. Danach stiess ich auf einen äussert spannenden Artikel über Nicolas Berggruen, ein Milliardär, der kein Zuhause hat und im Internet auch unter „Homeless billionaire“ zu finden ist. Als dritte Berührung bezeichne ich die Zeit nach dem Tod meines Vaters. Beim Ausräumen des Elternhauses realisierte ich erst recht, dass eine Vielzahl von Gegenständen seit rund 30 Jahren nur rumliegt und niemand die jemals benutzt hat.

 

Du lebst als Minimalist – was müssen wir uns darunter vorstellen? Wie lebst Du?

Momentan besitze ich 119 Gegenstände. Ich besitze einen Teller, einen Löffel und eine Gabel. Beim Besteck hatte ich bis kurzem einen kleinen Löffel und einen grossen. Aber wie ich bemerkt habe, kann man ein Joghurt auch mit einem grossen Löffel essen, das ist überhaupt kein Problem. Ich habe ein Stuhl, ein Tisch, ein Badetuch – (zählt weitere seiner Gegenstände auf) – und meine Kleidung reicht jeweils gut für eine Woche aus. Generell möchte ich mich nicht von Unwichtigem ablenken lassen und dabei hilft es mir, umso weniger Dinge ich besitze. Zum Beispiel benötige ich kein Auto. Ich muss mich dadurch am Samstag nicht ums Waschen sowie die Versicherung kümmern und kann in dieser Zeit mit meinen Freunden einen Kaffee trinken gehen.

 

Im Aeschbacher Interview 2014 hattest Du noch über 200 Gegenstände, die konntest Du in der letzten Zeit nochmals stark reduzieren.

Ja, das stimmt. Damals war ich noch bei 250 Gegenständen und konnte sie nochmals um mehr als die Hälfte reduzieren.

 

Gibt es auch Bereiche, bei denen Du Mühe hast Sachen minimal zu halten?

An sich fällt es mir in vielen Bereichen schwer. Wie auch viele andere Menschen, werde auch ich stetig von Werbung beeinflusst, welche auch bei mir funktioniert. Jedoch habe ich realisiert, dass es nur zu Beginn schwierig ist, wenn ich etwas Neues sehe. Nach ein paar Tagen legt sich das aber sehr schnell wieder. Ich habe hierzu ein paar Tricks, die ich für mich anwende: Wenn ich etwas haben möchte, dann lehne ich das zuerst aus. Ich frage in meinem Freundeskreis nach, ob gegebenenfalls jemand den entsprechenden Gegenstand bereits besitzt. Meistens hat sich nach ein paar Tagen der Ausleihe erwiesen, dass ich den Gegenstand nicht wirklich brauche. Was ich mir ebenfalls angewöhnt habe, ist die „One in-one out-Regel“. Das heisst, kommt ein neuer Gegenstand zu meinem Besitz hinzu, muss ein anderer wieder weg. Dies hat mir bis jetzt sehr geholfen meine Balance zu halten.

 

Aber hattest Du auch einen Gegenstand, bei dem Du wirklich Mühe hattest ihn loszulassen?

Bei vielen Gegenständen hatte ich Mühe loszulassen, aber wenn es dann mal weg war, merkte ich die Irrelevanz des Gegenstandes. Bis heute gibt es keinen Gegenstand, den ich vermisse.

 

Was waren so unerwartete Ereignisse oder Erfahrungen, die Du mit Minimalismus erlebt hast?

Das wirklich Positive ist die Freiheit, die man spürt, wenn man wenig hat. Man ist extrem frei und unabhängig von diesen Dingen. Oft merkt man gar nicht, dass Gegenstände einem selbst auch auf eine gewisse Weise besitzen können. Das merkt man zum Beispiel, wenn man ein neues iPhone gekauft hat. Fällt es mal am Boden und die Scheibe zersplittert, dann ärgert das einen sehr und man merkt, wie das Gerät einen auch mitbesitzt. Genau das, ist bei mir immer weniger geworden, ich befreie mich immer mehr von diesen Dingen.

 

Gab es auch Auseinandersetzungen mit Mitbewohnern oder Freunden über den Fakt, dass Du nun ein minimalistisches Leben führst?

 

Mir ist extrem wichtig nicht ein minimalistisches Leben zu führen, damit ich ein minimalistisches Leben führe. Sondern ich führe solch ein Leben, damit ich möglichst viel Zeit für das Wichtige im Leben habe, wie zum Beispiel Familie und Freunde. Das heisst ich lebe nicht ein mönchisches Leben wie ein Franziskaner, sondern lebe in der Stadt Zürich. Ich treffe viele Leute und dabei ist mir wichtig, gut gekleidet zu sein. Eine witzige Erkenntnis dazu ist, dass die Leute nie merken, wenn sie mich das erste Mal sehen oder auch über längere Zeit, dass ich eigentlich nur 119 Gegenstände besitze. Wenn ich ihnen dann davon erzähle, sind sie regelrecht erstaunt. Das deutet für mich darauf hin, dass die Leute denken, sie achten auf Kleidung, aber eigentlich trage ich immer das dasselbe. Meine Freunde hatten das früher alle ein wenig komisch empfunden. Immer mehr Medien berichteten über mich und viele dachten dann, dass wäre irgendwie ein „Gimmick“. Heute merke ich, dass es sie immer mehr interessiert und einige auch selbst den minimalistischen Lebensstil ausprobieren. Sie kommen selbst zur Erkenntnis, dass sie mit vielen Besitztümern nicht viel anfangen können und vieles davon gar nicht brauchen.

 

Das Interesse an einem minimalistischen Lebensstil scheint zuzunehmen. Warum denkst Du, dass sich immer mehr Menschen dafür entscheiden so zu leben?

Sicherlich hat der Entscheid einen minimalistischen Lebensstil zu leben auch etwas mit dem Wohlstand einer Gesellschaft zu tun. Die Leute haben einen gewissen Wohlstand erreicht und merken, dass sie im Überfluss leben und dass das Materielle, nicht per se glücklich macht. Sie realisieren, dass sie glücklicher sind, wenn sie weniger haben. Diese Erkenntnis beobachte ich gesellschaftspolitisch. Zum Beispiel ist es heute vielen Leuten nicht mehr so wichtig ein Auto zu besitzen.

 

Was für einen Rat kannst Du den Leuten geben, die interessiert sind einen minimalistischen Lebensstil zu führen?

Zuerst möchte ich klar stellen, dass es mir nicht darum geht, missionarisch den Leuten zu sagen, was gut und was schlecht ist. Ebenfalls möchte ich den Leuten nicht vorschreiben, wie sie vorgehen sollten. Aber wenn mich jemand fragt, wie er das angehen sollte, dann sage ich immer Folgendes: Zu Beginn habe ich alles Unnötige entsorgt. Dinge auf denen sich sozusagen nur Staub angesammelt hat. Als zweite Phase habe ich eine grosse Sporttasche genommen und dort alles rein getan, was ich seit über einen Jahr nicht mehr gebraucht habe. Die Tasche habe ich dann für ein halbes Jahr in die Ecke gestellt und mir gesagt, dass wenn ich in dieser Zeit die Tasche nie geöffnet habe, ich diese Dinge dort drin auch nicht mehr brauche. Entscheidet man sich dann die Dinge dort drin zu verschenken oder zu entsorgen, ist es wichtig, die Tasche nicht zu öffnen, da man sich möglicherweise wieder um entscheidet. Bei der dritten Phase, in der ich heute noch bin, überlege ich mir andauernd: Was brauche ich und was brauche ich nicht? Da können auch mal neue Gegenstände hinzukommen und später fallen andere Gegenstände wieder weg. Letzten Endes geht es mir nicht um die Anzahl, sondern dass ich ein möglichst einfaches und schönes Leben habe.

 

Was würdest Du noch gerne loswerden?

Aktuell versuche ich meinen Laptop loszuwerden und das ganze Büro nur noch via Telefon abzuwickeln. Wie sich herausgestellt hat, ist das gar nicht so einfach. Doch das sind so Sachen, die ich immer wieder versuche.