Ökominihaus: Ein Tiny House mit Gewissen

Die Bewegung des Tiny House kommt aus den USA und propagiert ein Leben in kleinen Häusern. Baubiologin Tanja Schindler ging einen Schritt weiter und baute ihren 35 qm grossen Winzling auf einer Wiese in Nänikon nach aktuellen Kenntnissen der Baubiologie.

Für Tanja Schindler ist das Ganze ein Kindheitstraum. Denn die Initialzündung zum Tiny House entstand beim Lesen von Erich Kästners Kinderbuch „Das fliegende Klassenzimmer“, in dem eine Art Aussteiger in einem ausrangierten Eisenbahnwaggon lebt. «Damals», so die Baubiologin, «überlegte ich zum ersten Mal, wie es wohl sein müsste, auf kleiner Fläche und im Einklang mit der Natur zu leben.»

Selbst auf kleinem Platz kann eine Küche mit Essplatz gut ausgestattet sein und vor allem Lebensqualität bedeuten. Bild © Tanja Schindler

Tiny House? Wie das Ökominihaus in Nänikon zeigt, kann eine Küche mit Essplatz selbst auf kleinem Platz gut ausgestattet sein und vor allem Lebensqualität bedeuten. Bild © Tanja Schindler

Tiny House: Small is beautiful

Menschen, die den Kontakt zu Tanja Schindler suchen, beschäftigen drei Punkte: Zum einen die horrenden Preise für Eigenheime; dann die Frage nach der Umweltverträglichkeit; und zum dritten das Bedürfnis, Ballast abzuwerfen. «Viele sind gestresst und des Überflusses schlicht überdrüssig», bringt es Tanja Schindler auf den Punkt. «Denn wieso brauchen wir ein Gästezimmer für Leute, die uns selten besuchen? Oder warum benötigt eine Person für sich allein eine Vierzimmerwohnung? So viele Quadratmeter pro Mensch können wir uns schlicht nicht mehr leisten. Wer zu mir kommt, verliert die Angst vor Platzmangel und sieht, wieviel echte Lebensqualität in diesem „small is beautiful“ stecken kann.» Und wirklich: Wer ihre Art von Tiny House sieht, ist begeistert. Hier wohnt kein lebensfeindlicher Ökofreak, sondern jemand, der zwar auf Ressourcen achtet, aber kreativ ist, einen ausgezeichneten Geschmack hat und gerne lebt. «Wir sollten uns fragen, mit wie wenig wir uns noch wohl fühlen und das dann auch wirklich nutzen», so Schindler. «Ich jedenfalls fühle mich nicht eingeengt und könnte mittlerweile sogar mit weniger Platz auskommen.»

Ein Blick durch das Sichtfenster des Stückholzofens … und schon fühlt man die Wärme auch «innen». Bild © Tanja Schindler

Ein Blick durch das Sichtfenster des Stückholzofens … und schon fühlt man die Wärme auch «innen». Bild © Tanja Schindler

Erweiterbar und mobil: Das Ökominihaus passt sich der Lebenssituation an

Manchmal ist das Tiny House auf Rädern. Das ist bei Tanja Schindlers Ökominihaus nicht der Fall. Trotzdem ist es mobil, kann per Tieflader huckepack genommen, gezügelt und auf einem andern Grundstück wieder abgestellt werden. Dies, weil es – fast wie auf Stelzen – rund 40 cm über dem Erdboden auf einem Punktfundament aus Beton thront. Dieser Abstand zum Erdreich hält auch Kälte und Feuchtigkeit fern und sorgt für gute Durchlüftung. Zudem hat Schindler ein begrüntes Dach. Das sieht nicht nur fantastisch aus, sondern gibt jenen Pflanzen eine Chance, die unter dem Haus nicht mehr wachsen. Die Grundversion des Hauses, in dem Tanja Schindler lebt, besteht aus einem offenen Schlaf- und Wohnbereich sowie Küche, Bad und Terrasse. Das Minihaus ist aber jederzeit erweiterbar und passt sich so der jeweiligen Lebenssituation an. Nicht zuletzt besticht das Ökominihaus durch seinen tiefen Anschaffungspreis (ab CHF 180‘000) sowie niedere Neben- und Unterhaltskosten.

Tanja Schindlers Ökominihaus am Baumgartenweg 1 in Nänikon steht allen für eine Besichtigung zur Verfügung, die sich für naturnahes und nachhaltiges Wohnen interessieren (Tel. 079 785 84 80). Bild © Tanja Schindler

Tanja Schindlers Ökominihaus am Baumgartenweg 1 in Nänikon steht allen für eine Besichtigung zur Verfügung, die sich für naturnahes und nachhaltiges Wohnen interessieren (Tel. 079 785 84 80). Bild © Tanja Schindler

Bewusst, gesund und mit Genuss leben

Gebaut und eingerichtet wurde mit Materialien, die nachweislich natürlich, nachhaltig und absolut giftfrei sind. So besteht z.B. das Wohnmodul aus einer Massivholzhülle mit grosszügigen Fensteröffnungen. Während nun ein durchschnittliches Tiny House nicht isoliert und oft eine wahre Energieschleuder ist, erweist sich das Ökominihaus als nach heutigen Bauvorgaben gut gedämmt, hat dreifach verglaste Fenster und braucht wenig Energie. Im Innenausbau hat sich Tanja Schindler für einen Verputz mit Lehm entschieden. «Das ist ein genialer Baustoff», sagt sie, «weil er temperaturausgleichend ist und die Luftfeuchtigkeit bei 40 bis 60 Prozent stabilisiert. Mit Lehmwänden gibt es auch keinen Schimmel, und zudem ist Lehm auch optisch schön.» Attraktiv ist übrigens auch der Stückholzofen, der im Ökominihaus für kuschelige Wärme sorgt. «Man muss zwar selber anfeuern», so Schindler. «Aber es ist ein Stück bewussteres Leben, das vielen immer fremder wird. Ich geniesse es jedenfalls, in die Flammen zu schauen und die Wärme des Ofens zu spüren.»

Seit rund vier Jahren lebt Tanja Schindler in ihrem Ökominihaus in Nänikon. Ihr erster Beruf war Fotografin. Aber dann orientierte sie sich um und absolvierte eine Ausbildung als Baubiologin. Da sie damals viel zu hinterfragen begann, kam sie auf ihr Projekt des «Ökominihauses», das sie zusammen mit anderen entwickelte und jetzt selber bewohnt. Ihr liegen der nachhaltige Umgang mit Ressourcen am Herzen und das Leben im Einklang mit andern Menschen und der Natur. Sie will das Leben spüren: Sie will es Tag für Tag sehen, erleben, meistern, riechen und geniessen. Und sie will vor allem weg vom gedankenlosen Konsum und Zwang zum Überfluss. Bild © Tanja Schindler

Seit rund vier Jahren lebt Tanja Schindler in ihrem Ökominihaus in Nänikon. Ihr erster Beruf war Fotografin. Aber dann orientierte sie sich um und absolvierte eine Ausbildung als Baubiologin. Da sie damals viel zu hinterfragen begann, kam sie auf ihr Projekt des «Ökominihauses», das sie zusammen mit anderen entwickelte und jetzt selber bewohnt. Ihr liegen der nachhaltige Umgang mit Ressourcen am Herzen und das Leben im Einklang mit andern Menschen und der Natur. Sie will das Leben spüren: Sie will es Tag für Tag sehen, erleben, meistern, riechen und geniessen. Und sie will vor allem weg vom gedankenlosen Konsum und Zwang zum Überfluss. Bild © Tanja Schindler

Energie aus eigener Produktion

Tanja Schindler ging noch einen Schritt weiter. Sie will möglichst autark sein. Zwar war sie gezwungen, sich ans öffentliche Wasser- und Abwassernetz anzuschliessen. Aber ihre Energie produziert sie selber. Um die Sonnenwärme besser zu nutzen, ist ihre Art von Tiny House gegen Süden ausgerichtet. Den Strom hingegen liefern ihr die Photovoltaik-Panels an der Fassade, für das Warmwasser ist das Solarsystem auf dem Dach zuständig.. Klappt das? «Ich habe das Ganze vier Jahre lang getestet. Im Sommer habe ich einen Energieüberschuss. Aber im Winter wird es bei lang anhaltend schlechtem Wetter manchmal eng. Zum Glück wird es nie kalt, weil der Ofen ja ohne Elektrisch funktioniert. Zudem habe ich mich in der Küche für einen Gasherd entschieden. Licht ist allenfalls eine Frage, aber auch da gibt es inzwischen genügend Möglichkeiten, sich dieses ohne Elektrizität ins Haus zu holen. Höchstens die Schmutzwäsche bleibt liegen, weil die Waschmaschine ohne Elektrisch nicht funktioniert.»

Baubewilligung für ein Tiny House: So aufwändig wie für ein «normales Haus»

Eine rundum erfreuliche Sache, also, dieses Ökominihaus. Welches sind allenfalls Probleme? «Die Baubewilligung und Erschliessung sind aufwändig und teuer», sagt Tanja Schindler. «Denn es müssen die gleichen Vorschriften eingehalten werden wie für ein ganz normales Haus. Zudem muss das in Frage kommende Grundstück relativ gross sein, weil man z.B. Grenz- und Brandschutzabstände einhalten muss und von der Behörde erst noch gezwungen wird, für zwei Parkplätze zu sorgen. Dies wohlverstanden selbst dann, wenn man kein Auto besitzt.» Trotzdem ist die Baubiologin mit ihrem jetzigen Leben so zufrieden, dass sie – zusammen mit ihrem Lebenspartner – ein grösseres Ökominihaus (ca. 50 qm) plant. Ihr ganz grosser Traum wäre allerdings eine Siedlung mit Gleichgesinnten, die dann auch über Gemeinschaftshäuser (z.B. für Waschküche, Gäste usw.) verfügen könnte. Übrigens: Wer sich für naturnahes und nachhaltiges Wohnen interessiert, kann das Ökominihaus in Nänikon besichtigen.