Zusammenleben: In der Schweiz boomt die Nachbarschaftshilfe

Wenn es ums Wohnen und um die Lebensqualität geht, spielen einige „weiche“ Faktoren eine grosse Rolle: Kennen sich die Nachbarn untereinander? Nachbarschaftshilfe und Freiwilligenarbeit haben dieses Jahr deutlich an Bedeutung gewonnen.

Als die Coronakrise im März ausbrach, erkannten plötzlich Zehntausende Menschen, was ihnen eine gute Nachbarschaft wert ist! Manche Menschen waren allein zuhause, fühlten sich sozial isoliert und waren teils verunsichert. Was ist da eine gute Seele in der Siedlung wert, die nach dem Befinden fragt? Menschen, die sich mehr als andere vor einer Ansteckung schützen wollten, nahmen dankbar nachbarschaftliche Hilfe an. Auf einer der rasch ins Leben gerufenen Freiwilligen-Plattformen trugen sich innerhalb kurzer Zeit rund 900 Gruppen ein. Über 100’000 engagierte Freiwillige organisierten Einkäufe und leisteten anderweitig Unterstützung im Alltag der Menschen – all dies im Zeichen der Solidarität.

Nachbarschaftshilfe: Hilfe im Alltag

Doch was ist überhaupt unter Nachbarschaftshilfe zu verstehen?

  • Im Allgemeinen geht um gegenseitige Unterstützung im Alltag, sei es im Haushalt, für Einkäufe, Betreuung von Kindern, Kommunikation und Begegnung in der Siedlung, gemeinsame Projekte für die Freizeit, Mittagstisch bzw. gemeinsames Kochen, Durchführung von Anlässen, Gestaltung von Garten und Umgebung, gemeinsame Hobbies etc.
  • Nachbarschaftshilfe grenzt sich klar ab von Erwerbsarbeit und allzu fixen Strukturen. Wer hier mitmacht, tut dies freiwillig. Und es ist auch niemand verpflichtet, Hilfe in Anspruch zu nehmen oder sich in irgendeiner Form zu beteiligen.
  • In der Regel funktioniert Nachbarschaftshilfe niederschwellig und unkompliziert; sie ist als Ergänzung zu staatlichen Leistungen und Hilfen gedacht. Sie entsteht direkt vor Ort und orientiert sich damit konkret an den Bedürfnissen in Quartieren, Siedlungen und Dörfern.
  • Nachbarschaftshilfe leistet einen wesentlichen Beitrag zu sozialen Kontakten, zum Wohlbefinden im Wohnumfeld und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wenn sich Menschen untereinander kennen und eine gute Nachbarschaft pflegen, wird vieles einfacher.
  • Nachbarschaftshilfe ist zwar niederschwellig – trotzdem ist sie oft gut organisiert und strukturiert; so bilden die Leute Arbeits- und Projektgruppen, schliessen sich in einem Verein zusammen, nehmen professionelle Unterstützung in Anspruch etc.

Nachbarschaftshilfe: Fallbeispiel Genossenschaft

Ein fester Bestandteil der Kultur und des Zusammenlebens sind Freiwilligenarbeit und Nachbarschaftshilfe bei der Allgemeinen Baugenossenschaft Zürich (ABZ) – der grössten Wohnbaugenossenschaft der Schweiz. „Damit Nachbarschaftshilfe funktioniert, muss die Verwaltung Freiräume dafür schaffen“, sagt Ariel Leuenberger, Leiter Kommunikation bei der ABZ. Die Zürcher Genossenschaft beschäftigt auf der Geschäftsstelle drei professionelle Mitarbeiter, die sich ausschliesslich der Quartier- und Freiwilligenarbeit widmen.

Weiter braucht es natürlich gewisse Strukturen und teils auch räumliche Voraussetzungen. Dazu zählen zum Beispiel Gärten, Siedlungsräume, allgemein zugängliche Gemeinschaftslokale und Aussenräume. Ohne solche Freiräume ist es schwierig, Eigeninitiative und Ideen umzusetzen.

Nachbarschaftshilfe: Und das Geld?

Freiwilligenarbeit ist zwar wie erwähnt keine Erwerbsarbeit und wird im Allgemeinen auch nicht finanziell entschädigt. Dennoch gibt es wenige Projekte, zu deren Umsetzung nicht doch ein gewisses Budget zur Verfügung stehen muss. Vielleicht entstehen einer Gruppe von Freiwilligen Materialkosten, Spesen; es braucht gewisse Anschaffungen oder Massnahmen baulicher Art – etwa für Garten- oder Spielplatzprojekte, für Werbung etc. „Bei den Genossenschaften ist es üblich, dass für solche Projekte der Nachbarschaftsarbeit und für weitere Anliegen jedes Jahr ein Budget zur Verfügung steht“, sagt Ariel Leuenberger.

Was sich in den letzten Jahren verändert hat, ist die Art und Weise, wie sich die Menschen vernetzen, wie sie sich austauchen und Ideen entwickeln. Immer mehr Gewicht haben zum Beispiel digitale Plattformen für alle Mieterinnen und Mieter. Dies ist heute meist eine umfassende Plattform: etwa für den Austausch von Informationen, für die Vernetzung von Nachbarn und Freiwilligen, eine Art schwarzes Brett für Anliegen und natürlich auch die ideale Kommunikationsplattform für die ganze Siedlung. „Nebst den notwendigen Strukturen und Voraussetzungen seitens der Verwaltung kommt letztlich auch der Kommunikation eine Schlüsselrolle zu“, so Ariel Leuenberger von der ABZ. So wäre es oft nur eine halbe Sache, wenn einige Initianten einen regelmässigen Spielabend oder einen Sonntagstreff ins Leben rufen wollen – wenn sie nicht Kommunikationskanäle nutzen können, um die Leute darüber zu informieren und sie zu motivieren.

Checkliste zum Vorgehen:

Anliegen und Ziel formulieren: Was soll konkret erreicht oder verbessert werden? Wer könnte einen Nutzen daraus ziehen?

Zielgruppe: Welcher Personenkreis (Alter, Haushalt- und Familienform) mit welchen Interessen steht als Zielgruppe im Fokus?

Infrastruktur: Braucht es für das Projekt bestimmte Räume und eine bestimmte Infrastruktur? Wie realistisch ist es, dass diese Infrastruktur tatsächlich zur Verfügung gestellt werden kann (zum Beispiel ein Übungslokal für Musik, für einen Gemeinschaftsgarten, ein Tiergehege etc.)? Dazu gehört auch die Frage, mit welchen Stellen oder Partnern intern oder extern die Selbsthilfegruppe zusammenarbeiten will.

Finanzen: Werden gewisse Auslagen und Anschaffungskosten entstehen? Wie kann das Geld aufgebracht werden? Wie hoch wäre das Budget?

Werbung und Kommunikation: Wer Gutes im Allgemeininteresse tun will, muss dies auch kommunizieren. Es nützt die beste Selbstinitiative wenig, wenn die Leute gar nichts davon wissen.

Organisation und Planung: Jede Selbsthilfegruppe muss eine konkrete Vorstellung davon haben, ob es sich um ein dauerndes Projekt oder zum Beispiel um einen einmaligen Anlass handelt. Dementsprechend sind auch der zeitliche Aufwand und die geschätzte Anzahl der erforderlichen Freiwilligen und Mitbeteiligten konkret zu planen. Wird dies zu wenig gründlich abgeklärt und diskutiert, könnte die Vorfreude auf ein tolles Projekt in Enttäuschung umschlagen. Die gesteckten Ziele müssen mit vertretbarem Aufwand umsetzbar sein.

Evaluation und Analyse: Zur Vernetzung gehört es auch, nach ähnlichen Projekten und Ideen zu fragen. Wie waren die Erfahrungen? Wo gab es Probleme, was konnte mit Erfolg in die Tat umgesetzt werden?